Spitzengespräch bei Oettinger:
Verband fordert Entlastungen für den
Einzelhandel
In einem Spitzengespräch mit Ministerpräsident Günther H. Oettinger und den Ministern Ernst Pfister (Wirtschaft) und Dr. Monika Stolz (Arbeit & Soziales) haben Unternehmer und Vertreter des Einzelhandelsverbandes klar ihre Forderungen für den Einzelhandel im Land formuliert.
Bei dem Treffen in der Villa Reitzenstein, dem Amtssitz des Ministerpräsidenten und zugleich Sitz der Landesregierung und des Staatsministeriums von Baden-Württemberg, diskutierten die Teilnehmer fast zwei Stunden lang aktuelle Themen des Einzelhandels. Angesichts der nach wie vor schwierigen Situation der Handelsunternehmen im Land hatten die Einzelhändler einen ganzen Forderungskatalog mit im Besuchsgepäck.
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Foto: Sabine Hagmann, Ulrich Endress, Ernst Pfister, Dr. Monika Stolz, Günther H. Oettinger, Horst Lenk (hinten), Manfred Gebauer, Philipp Frese, Claus Seppel und Manfred C. Noppel diskutierten in der Villa Reitzenstein aktuelle handelspolitische Themen (von links). |
Konjunkturell abgeschlagen ist der Einzelhandel nach wie vor, belegte Claus Seppel, Präsident des EHV Nordbaden, mit aktuellen Umsatzzahlen des Handels im Land. Danach steht für das Jahr 2007 ein klares Minus von real 2 Prozent zu Buche und auch für das Jahr 2008 wird real allenfalls ein minimales Plus von 0,5 Prozent prognostiziert. "Die politischen Rahmenbedingungen gerade für den mittelständischen Einzelhandel müssen endlich so gestaltet werden, dass ein Handeln möglich ist."
Dass dies gerade in letzter Zeit nicht der Fall war, zeigt die Liste der im Spitzengespräch behandelten Themen.
Eine der größten Belastungen aus Sicht vieler Einzelhändler stellt nach wie vor die Unternehmenssteuerreform dar, die ja eigentlich "entlasten" sollte. Insbesondere die Gewerbesteuerreform trifft einen Großteil des Handels " vor allem mittelständische Unternehmen mit einem bestimmten Filialisierungsgrad oder angemieteten Fläche in 1-A-Lagen " eine höhere Steuer, ohne dass entsprechende Mehrumsätze erzielt werden können. Südbadens EHV-Präsident Philipp Frese machte an mehreren Beispielen aus der Praxis deutlich, welche fatalen Steuererhöhungen konkret auf Unternehmen zukommen. So muss beispielsweise ein mittelständisches Buchhaus aus Baden-Württemberg bei angenommen gleichem Umsatz wie in 2006 mit einem Sprung der Steuerquote von damals 40 auf 46 Prozent in diesem Jahr rechnen (Hinweis: da die Gewerbesteuerbescheide noch nicht verschickt wurden, sind dies Vorausberechnungen). Der Ministerpräsident bat den Einzelhandelsverband deshalb, in den nächsten Monaten verlässliche Zahlen über den konkreten Steueranstieg zusammenzutragen und vorzulegen. Aus seiner Sicht ist dann gegebenenfalls eine Korrektur der Hinzurechnung der Finanzierungsanteile von Mieten, Pachten und Leasingraten von derzeit 65 % auf 40 " 50 Prozent denkbar, oder mit sehr viel Anstrengung noch weniger. Auch Wirtschaftsminister Ernst Pfister " von Anfang an Mitstreiter des Verbandes gegen die überdurchschnittliche Belastung des Einzelhandels im Zusammenhang mit der Unternehmenssteuerreform " plädierte für Nachbesserungen.
- Abwarten der Gewerbesteuerbescheide
- Einreichen Ihrer Bescheide
beim EHV
- Analyse der
Mehrbelastungen für den Einzelhandel durch den EHV
- Bericht an den
Ministerpräsidenten
- Gegebenenfalls
Musterklage durch den EHV
Was können Unternehmen tun?
- Prüfung der Rechtsform (betrifft nur Kapitalgesellschaften)
- optimale Nutzung des Freibetrags (Beratung durch den EHV)
- Anpassung der Mieten
- separate Darstellung der Finanzierungsanteil für Mobilien und Immobilien
Auch in Sachen
Erbschaftssteuer erwarten den Einzelhandel erhebliche Belastungen,
erläuterte Frese dem Ministerpräsidenten und beiden
Ministern weiter. Auch wenn hier entsprechend der
Koalitionsvereinbarung eine Reform unabdingbar ist, sagte Oettinger
zu, sich im Bundesrat für eine Klausel einzusetzen, die bei
einer Weiterführung des Betriebs nach 10 Jahren, und nicht wie
derzeit geplant nach 15 Jahren, Steuerfreiheit garantiert. Ein
Teilerfolg hat der Handel im Schulterschluss mit der
baden-württembergischen Landesregierung und anderen Branchen
bereits dahingehend errungen, dass im Falle einer vorzeitigen
Betriebsaufgabe nach einer Übernahme lediglich eine anteilige
Rückrechnung erfolgt. Das heißt, schließt der
Betrieb 8 Jahre nach der Übernahme, fallen nur Steuern maximal
für die verbleibenden 2 Jahre an.
Ein weiterer
Themenschwerpunkt beim Spitzengespräch war der viel diskutierte
Mindestlohn. Der Einzelhandel lehnt gesetzliche Mindestlöhne
strikt ab, betonte EHV-Präsident Horst Lenk. "Tarife
müssen staatlichen Eingriffen vorgehen", sagte er und
betonte, dass im Handel ein hoher Grad an Tarifbindung besteht und
gar kein Grund für eine "Regulierung von
Regierungsseite" nötig ist. Unterstützung bekam er
von Ministerpräsident Oettinger als auch Wirtschaftsminister
Ernst Pfister. Letzterer sagte deutlich, dass mit der FDP im Land
keine Mindestlöhne zu machen seien. Oettinger stellte klar,
dass das Land im Bundesrat gegen das Mindestlohngesetz stimmen
würde. Sollten alle CDU-regierten Länder diese
Einstellung haben, könnte das unsägliche Gesetzesvorhaben
gestoppt werden. Darauf arbeitet der HDE-Chef Sanktjohanser in
Berlin mit Hochdruck hin.
"Der staatliche Mindestlohn ist ein Angriff auf die soziale Marktwirtschaft!"
Horst Lenk, Präsident des EHV Baden-Württemberg und HDE-Vizepräsident
Die Forderungen im Zusammenhang mit
der gesetzlichen Unfallversicherung brachte Ulrich Endress,
Vorstandsmitglied des EHV Württemberg, vor: Neben einer
Neuregelung des Lastenausgleichs " der Einzelhandel
"subventioniert" derzeit andere Branchen, die boomen
bzw. ihre Arbeitsplätze ins Ausland schaffen "
plädiert der Einzelhandel für die Herausnahme der
Wegeunfälle aus dem Leistungskatalog. Auch die geplante
Übertragung der Betriebsprüfung auf die
Rentenversicherung erzeugt nach Ansicht des Handels lediglich mehr
Bürokratie und steigende Beiträge, ohne dass dem mehr
Leistungen gegenüberstehen. Arbeits- und Sozialministerin Dr.
Monika Stolz bat hier um weiteres Zahlenmaterial, um
Nachbesserungen beim Thema Berufsgenossenschaft anzuregen. Der EHV
hat prompt nachgehakt.
Manfred Gebauer, Inhaber der Gebauer´s aktiv Märkte, brachte gegenüber dem Ministerpräsidenten und den beiden anwesenden Ministern das aktuelle Thema "Nächtliches Alkoholverkaufsverbot" auf die Tagesordnung. Seine Forderung, das Verkaufsverbot wie jetzt beschlossen auf die Zeit nach 22 Uhr zu beschränken und nicht auf 20 Uhr vorzuziehen, sicherte Oettinger auch für die Zukunft zu. Ministerin Stolz unterstrich gegenüber den Teilnehmern aus dem Handel, dass das Verbot in erster Linie nicht der Suchtvermeidung junger Menschen dienen kann, sondern vielmehr eine hohe sicherheitspolitische Relevanz habe. Wenn Alkohol in den Nachtstunden nicht verfügbar ist, könnten viele Brennpunkte beseitigt werden. Gebauer betonte, dass der Handel seit jeher ein Verfechter des Jugendschutzes sei, ein solches Gesetz aber kein Dammbruch für andere Sortimente oder eingeschränkte Verkaufszeiten sein dürfe. Auch dies fand die Unterstützung der Landesvertreter.
EHV-Präsident Horst Lenk äußerte sich nach dem Spitzengespräch zufrieden:
"Die konstruktive und
zielführende Diskussion mit der obersten Landesspitze muss
dringend fortgesetzt werden. Ministerpräsident Günther
Oettinger hat für jedes Jahr ein Spitzentreffen mit Vertretern
des Handels zugesagt, in dem wir aktuelle Themen und Forderungen
vortragen werden." Der Einzelhandelsverband
ist der einzige mittelständische Verband, der ein solches
hochrangiges Spitzengespräch mit der Landesregierung erhalten
hat. Oettinger lobte bei dem Treffen ausdrücklich die Arbeit
des Einzelhandelsverbandes. Er schätze den Verband als stets
guten Partner der Landesregierung. Seine Anregungen und
Beiträge bezeichnete der Ministerpräsident als
professionell und seine Forderungen maßvoll. Er sicherte dem
Einzelhandel sehr gerne die weitere enge Zusammenarbeit zu.
"Schluss mit Lippenbekenntnissen! Es müssen endlich reale Entlastungen für den Einzelhandel her!" Philipp Frese, Präsident des EHV Südbaden und EHV-Vizepräsident


